Die tägliche Gewalt im Rohstoffgeschäft - Vergewaltigung als Strategie im Ostkongo

Im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC) wird Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt. Die Täter bleiben zumeist straflos. Zahlreiche Milizen kämpfen um die Kontrolle über Region und Bodenschätze, versetzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken und finanzieren sich über den illegalen Abbau von Rohstoffen, die über die Nachbarländer auf den Weltmarkt gelangen. Kobalt, Tantal bzw. Coltan und andere Rohstoffe werden für die Produktion von Mobiltelefonen und Batterien gebraucht. Internationale Unternehmen profitieren von der unhaltbaren Menschenrechtslage, von Korruption, Missachtung sozialer und ökologischer Standards und Intransparenz.

Um die Öffentlichkeit auf diese Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, wurde im Herbst 2020 die Kongo-Kampagne ins Leben gerufen und greift damit das Anliegen und Lebenswerk von unserem Partner und Nobelpreisträger Dr. Denis Mukwege auf. Der kongolesische Gynäkologe und Menschenrechtsaktivist wird nicht müde zu betonen, dass die Konflikte weder durch ethnische noch durch religiöse Auseinandersetzungen, sondern durch wirtschaftliche Interessen verursacht werden.

Unübersichtliche Konflikte sorgen für rechtsfreien Raum und Profiteur*innen in der ganzen Welt

Die Demokratische Republik Kongo ist als zweitgrößtes afrikanisches Land über sechsmal so groß wie Deutschland und hat mit ca. 85 Millionen etwa gleich viele Einwohner. Sie gehört zu den rohstoffreichsten und dennoch zu den ärmsten Ländern der Welt. Ein Grund hierfür liegt in der Geschichte des Landes, die durch koloniale Ausbeutung und Einmischung von außen gezeichnet ist. Daneben ist das Land durch ein sehr schlechtes Gesundheitssystem herausgefordert. Seit 1976 gab es 11 Ebola-Ausbrüche, eine Masernepidemie hat 2019 mehr als 7.000 Kinder unter 5 Jahren das Leben gekostet. Nun fordert die Corona-Krise ihre Opfer.

In der DRC schwelen seit Jahren grausame und unüberschaubare bewaffnete Konflikte. Etwa 5 Millionen Binnenflüchtlinge wurden aus ihren Dörfern, Städten und Heimatregionen vertrieben. Vor allem in den östlichen Grenzregionen stellen unzählige Konflikte unter kriminellen Milizen, zum Teil unter Führung ausländischer Politik, und Offensiven der Staatsarmee einen rechtsfreien Raum und Schmelztiegel für illegale Geschäfte und verwerfliche Praktiken her.

Mit dem Einsatz extremer sexueller Gewalt verfolgen die Konfliktakteure das Ziel, die ansässige Bevölkerung zu demoralisieren, einzuschüchtern und schließlich gänzlich zu überwältigen – eine Kriegswaffe, für die sie keinerlei juristische Folgen fürchten müssen.

In der Folge stecken sich viele Frauen mit HIV/Aids an, tragen körperliche und seelische Schäden davon oder sterben. Männern wird ihre Machtlosigkeit demonstriert, weil sie ihre Frauen und Kinder nicht schützen konnten. Infolge des Stigmas der Vergewaltigung werden betroffene Frauen von ihren Familien und Partnern verstoßen. Damit hat Vergewaltigung als Kriegswaffe nicht nur physische und psychische Folgen für die Frauen, sondern auch gesellschaftliche und ökonomische Folgen für die gesamte Bevölkerung. Der soziale Zusammenhalt von Familien und Gesellschaft wird strategisch vernichtet, ganze Dörfer werden vertrieben, um Macht und Zugriff auf Rohstoffe zu erlangen.

In einem Bericht der Vereinten Nationen wurde ausführlich und belastbar dokumentiert, wie vor allem die Rechte von Frauen schwer verletzt und das humanitäre Völkerrecht systematisch gebrochen wurde. Beleuchtet wird auch der Kampf um natürliche Ressourcen als Grund für die an der Zivilbevölkerung begangenen Verbrechen.

Die Täter sind militante Rebellen und Soldaten der kongolesischen Armee gleichermaßen – und für die Betroffenen nicht zu unterscheiden. Eine Vielzahl verschiedener umherziehender Rebellengruppen, die je nach verfolgtem Ziel kollaborieren oder auch gegeneinander arbeiten, macht die Lage gefährlich undurchsichtig und für den ohnehin schwachen und oft korrupten Staatsapparat nicht handhabbar. Der Reichtum an Bodenschätzen in der Nähe der Grenzgebiete lockt mit kurzen Exportwegen und florierendem Schwarzhandel von Waffen und Rohstoffen Milizen aus angrenzenden Ländern an.

Dieser Kreislauf aus Krieg, Chaos, sexueller Gewalt und Rohstoffen kann nicht durchbrochen werden, solange Staaten und Unternehmen von den Rohstoffen und den anhaltenden Auseinandersetzungen profitieren und die Weltgemeinschaft nicht bereit ist, der Gewalt ein Ende zu setzen.

Es geht um weit mehr als um unsere Handys. Es geht um die Art der Wirtschaft, die wir erlauben. Als Nutznießerinnen kongolesischer Konfliktrohstoffe stehen die Bundesrepublik Deutschland und die Europäische Union in der Verantwortung – und auch wir als Verbraucher*innen sind gefragt –, sie zu verändern. Völkerrechtlich steht allen Menschen, auch Frauen und Kindern im Ostkongo, der Zugang zu Gesundheit und Menschenrechten zu. Unser Wohlstand darf das nicht länger verhindern.

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